Reisebericht Norwegen NordkapReisebericht Norwegen NordkapReisebericht Norwegen Nordkap

Motorradreise Norwegen - Nordkap

So wie das Kap der guten Hoffung nicht der südlichste Punkt Afrikas ist, so falsch ist die Annahme, beim Nordkap handele es sich um den nördlichsten Punkt Europas. Trotzdem besitzen beide Ziele eine besondere Anziehungskraft. Südafrika ist weit weg, aber zum Nordkap gelangt man erlebnisreich mit dem eigenen Motorrad

Angefangen hat es am südlichsten Punkt Norwegens. Den Leuchtturm von Lindesnes erreichen wir über eine kleine, 30 Kilometer lange Sackgasse von Vigeland aus. Erste Fahrfreude kommt auf. Der Weg schlängelt sich kurvenreich durch die felsige Küstenlinie. Bis zum Nordkap sind es nur noch 1682 km weist ein Wegweiser aus –Luftlinie. Am Ende werden es 4000 Kilometer sein, die wir zurückgelegt haben, bevor wir jenen Punkt mit den magischen Daten 71° 10' 21" nördliche Breite erreicht haben. Dabei ist das Nordkap entgegen weit verbreiteter Auffassung gar nicht der nördlichste Punkt von Europas Festland, das ist die über einen 24 Kilomer langen Wanderweg zu erreichende Landzunge Kinnarodden auf der zwei Fjorde weiter östlich gelegenen Halbinsel Nordkinn. Das Nordkap liegt nämlich auf einer Insel mit Namen Mageroya und ist selbst dort nicht der nördlichste Punkt. Der heißt Knivskjellodden, einige Kilometer vom Nordkap entfernt gelegen – und auch nur zu Fuß erreichbar. Motorradfahrer sind bekanntlich fußfaul, also gab es für uns von Anfang an nur ein Ziel: das problemlos anfahrbare Nordkap.

Der schnellste Weg wäre über die E6. Mehr als 3000 Kilometer ist sie lang und endet kurz vor der russischen Grenze in Kirkenes. Auch wenn sie den Namen Europastraße trägt, so handelt es sich doch um eine ganz normale Landstraße. Größere Verkehrsaufkommen treten eher selten auf, vielleicht noch an einigen touristischen Punkten wie der bilderbuchmäßigen Einfahrt in die Provinz Nordland oder am Polarkreis. Ansonsten ist man mit sich, seinem Motorrad und der Natur meistens alleine.  
Den schnellen Weg wollen wir ohnehin meiden. Sonst würden wir an so schmucken Städtchen wie Mandal vorbeifahren. Das verkehrsfreie Zentrum der Hafenstadt im Süden Norwegens bilden einheitlich weiß gestrichene Holzhäuser mit kleinen Gassen und einem schmucken Marktplatz, der zum Verweilen einlädt. Wir fahren noch zwei Kilometer weiter in den Naturpark Sjosanden. Hier haben wir den längsten und feinsten Sandstrand Norwegens fast für uns ganz alleine. Nur die Wassertemperatur lässt etwas zu wünschen übrig.

Hinter Stavanger bekommen wir erstmals mit, was es in Norwegen bedeutet, entlang der Küstenlinie zu fahren. Die tief ins Landesinnere hineinragenden Fjorde wirken wie natürliche Barrieren, die entweder umfahren oder mittels Fähre überwunden werden müssen, um von einer Seite der Bucht auf die andere zu gelangen. Schnell kommt es zum Zwiespalt: die Umfahrung hat den Reiz, auf kurvenreicher Strecke unterwegs zu sein, die Fähre spart dagegen eine Menge Zeit. Einen solchen Gewissenskonflikt gilt es am Lustrafjord zu lösen. In Solvorn legt die Fähre nach Ornes auf die gegenüberliegende Seite des Meeresarms ab, wo einerseits eine kleine Uferstraße noch weniger Verkehr und eine kilometerlange Kurvenorgie sowie die älteste Stabkirche Norwegens verspricht. Andererseits: eine dieser für Norwegen so typischen, kunstvoll mit zahlreichen Spitzen erbauten Glaubenshäuser aus dunklem Holz hatten wir gestern schon in Viksoyri reichlich fotografiert, und mit der Fährfahrt würden wir am Jostedalsbreen vorbeigefahren, dem mit 490 qm2 größten Gletscher auf dem europäischen Festland. Die Sackgasse durchs Jostedalen führt bis zum Nigradsbreen, einem Ausläufer des Hauptgletschers. Schon vom Parkplatz am Ende der Straße bekommt man einen prächtigen Eindruck von der bis zu 400 Meter dicken Gletscherzunge. Die letzten Meter bis zum ewigen Eis legen wir mit einem kleinen Motorboot über den Gletschersee zurück, in dem mächtige Eisbrocken einen Hauch von Titanic aufkommen lassen. Ein paar Schritte noch zu Fuß und wir wissen, dass wir richtig entschieden haben.  Der Anblick ist atemberaubend, in der Sonne glitzert lupenreines Eis. Schade, dass wir den Whiskey vergessen haben.

Bei solch gigantischen Gletschern könnte man meine, wir befinden uns im Hochgebirge. Dabei reichen die höchsten Erhebungen maximal bis auf 2000 Meter, extreme Passstraßen wie der berühmte Trollstiegen führen lediglich bis auf 1300 Meter. Die Berge wirken so imposant, weil die Höhenunterschiede so groß sind. Befindet man sich gerade noch auf Meereshöhe an einem Fjord, geht es gleich wieder steil hinauf über zahllose Serpentinen auf eine Hochebene. Am auffälligsten ist dies am Geirangerfjord. Er ist 18 Kilometer lang, bis zu 300 Meter tief und rechts und links ragen die Berge 1400 bis 1600 Meter in den Himmel. Nackte Daten, die nichts über die Schönheit  des südlichsten Zipfels des Storfjordes aussagen können. Kreuzfahrtschiffe, die Geiranger ansteuern benötigen von der offenen See bis ans Ende des Fjord fast einen ganzen Tag, um durch die engen Schluchten zu manövrieren. Der Ort Geiranger bildet die einzige ebene Uferzone. Ansonsten gibt’s nur schwer zugängliche, steile, teilweise senkrechte Abhänge, in deren Ritzen sich vereinzelt Sträucher krallen. Wo die Natur am Hang eine kleine Plattform geschaffen hat, erkennt man einige längst verlassene Hofanlagen. Man sagt, die Bewohner hätten Ihre Kinder festgebunden, damit sie nicht ins Wasser fallen konnten. Aus schier endlos erscheinenden Reservoirs stürzt immer wieder Schmelzwasser die Hänge hinab, mal ganz zart und fein wie bei den „Sieben Schwestern“, mal machtvoll und angeberisch wie beim „Freier“ direkt gegenüber. Selbst kann man das erleben, wenn man die Fähre nach Hellesylt nimmt. Siebzig Minuten dauert die Fahrt.

Oder man schaut sich das Naturschauspiel von ganz oben an. Wie am Timmelsjoch schraubt sich die Straße zunächst über zahllose Serpentinen zum 1000 Meter hoch gelegenen Dalsnibba-Pass empor, der Geiranger mit der Reichsstraße 63 verbindet. Von der Hauptstraße biegt schließlich am Getschersee Djupvatnet der Nibbevei zum Gipfel ab, eine mautpflichtige Schotterpiste. Der Weg ist grob geschottert und besonders bei Nässe nur mit Enduros empfehlenswert. Wer die Spitze auf 1476 Meter aber erreicht hat, wird mit einem grandiosen Blick hinunter in den Fjord belohnt – und hinüber auf die mächtigen Eisflächen der jenseits der Passstraße gelegenen Gebirgskette.

Von hier oben erkennen wir voller Vorfreude den weiteren Streckenverlauf von Geiranger aus in Richtung Norden. Adlerstraße nennt sich der Weg. Einen besseren Namen hätte man sich für die in den Hang gehämmerte und gemeißelte Straße nicht ausdenken können. Auf rund acht Kilometern schlängelt sich die Panoramastraße von Meereshöhe über elf Serpentinen bis auf 620 Meter, um schließlich in den Sagen umwobenen Trollstigen mit nochmals elf Serpentinen überzugehen. Doch dann schlägt der Troll des Nebels zu. Der Tag beginnt mit Null Sicht, Null Fahrspaß, jede Menge Feuchtigkeit. Zum ersten Mal bin ich froh, eine kurvenreiche Bergstrecke hinter einem Reisebus herzufahren. Den eindrucksvollen Stigfossen, einen über 300 Meter hohen Wasserfall am Trollstigen nehmen wir kaum wahr, irgendwie fühlen wir uns mittendrin im Wasserfall. Wasser links, Wasser rechts, Wasser auch unter uns, aber Gott sei Dank kein Wasser mehr von oben haben wir schließlich auf der Atlantikstraße. Ausnahmsweise kommen mal keine Fähren zum Einsatz, um Fjorde, Buchten und Inseln zu überwinden, sondern Brücken. Die Fahrt über die insgesamt acht Brücken, die die einzelnen Inseln zwischen Molde und Kristiansund verbinden, ist ein atemberaubendes Erlebnis. Man fühlt sich wie eine der zahllosen Möwen, die über das Meer segeln. Mit Abstand am spektakulärsten ist die Fahrt über die 230 Meter lange Storseisund-Brücke, die eine extrem steile Auf- bzw. Abfahrt besitzt. Wir gönnen uns den Spaß und fahren die Strecke gleich mehrmals. Die Aussicht übers Meer und die satt grünen Weideflächen der verbundenen Inseln ist fantastisch. Zumindest solange das Wetter mitspielt, bei Sturm wird die Fahrt dagegen zur abenteuerlichen Mutprobe.

Keine Angst muss man dagegen bei der Überquerung des Polarkreises haben. Aus dem Dunderlandsdal führt die Straße in Serpentinen ins Hochgebirge hinauf. Die Landschaft wird karger, die Temperaturen sinken. Nach einer knappen Stunde Fahrt ist man am Polarkreis: nördliche Breite 66° 34'. Am Polarkreis geht die Sonne am Tag der Sommersonnenwende – meistens der 21. Juni – nicht unter. Zum Nordpol sind es  von hier aus 3330 km, zum Äquator 6660 km.  Gäbe es nicht das Polarkreiszentrum mit Souveniergeschäft, Restaurant und Polarkreis-Denkmal, wir wären glatt dran vorbei gefahren. So aber kann man sich mit den Geodaten fotografieren und eine „Ich-war-auch-hier-Urkunde” ausstellen lassen, inklusive Polarkreistaufe. Hinter Bardufos folgt die E6 über 330 Kilometer bis Alta der direkten Küstenlinie. Jeder Fjord und jede Halbinsel wird umfahren. Auf der gut ausgebauten, gewundenen Straße kommt man flott voran. Aus der Nordsee ragen die Erhebungen der Vesteralen, der nördliche Teil der Lofoten, aus dem Meer empor, landeinwärts reicht der Blick über schneebedeckte Hochebenen und vereinzelte Berggipfel. Nur vereinzelt tauchen ein paar bunt bemalte Holzhäuser in diesem Niemandsland auf. Hinter Alta geht es doch noch einmal durchs Landesinnere auf das Repparfjordfjell. In dieser öden, fast vollkommen baumlosen Gegend gibt es nur einige wenige Sommerlager der Samen, jener skandinavischen Volksgruppe, die mit Rentierzucht ihr Geld verdienen. Die E6 verläuft auf den nächsten 90 km teilweise auf einem hoch gelegenen Wall. Im Winter soll der Wind den Schnee so von der Straße wehen, jetzt im Sommer haben wir Probleme, nicht von der Bahn gefegt zu werden. Außerdem wird es immer wärmer, die Anzeige für die Außentemperatur an der GS zeigt unglaubliche 28 Grad. Haben wir uns verfahren? Sind wir doch kurz vor Gibraltar?

Statt Affen rennen hier allerdings reichlich Rentiere über die Straße, die sich auch von Hupen und aggressivem Gas geben nicht schrecken lassen. Wie Cowboys treiben wir die Tiere vor uns her: über Küstenstraßen, über Brücken und weg von der Säule an der Tankstelle. Deshalb heißt es auf den letzten Kilometern bis zum Nordkap Vorsichtig walten zu lassen, auch wenn die kurvenreiche Strecke zur beschwingten Hatz einlädt. So bleibt Zeit die bereits arktische Vegetation zu bestaunen. Zwergenzian und Purpurkresse wachsen hier, Pflanzen die sonst nur auf Spitzbergen und in Sibirien vorkommen. Die letzten Kilometer auf die Insel Mageroya sind noch einmal ein besonderes Erlebnis. Das gilt einmal für die happigen Mautgebühren, die für die beiden Tunnel nach Honningsvag fällig werden,  zum anderen fahren wir durch eine atemberaubend schöne Naturlandschaft. Es geht auf und ab zwischen kargen Weideflächen, dazwischen leuchten knallblaue, eiskalte Seen in der Sonne. In der Ferne erkennt man das Meer, das sich schier endlos bis zum Horizont erstreckt.

Dann stehen wir wirklich unter dem Globus. Die ärgerliche Straßenmaut und die Eintrittsgelder, die bis zum Erreichen des Nordkaps noch fällig werden, sind auch vergessen. 71° 10' 21" nördliche Breite steht auf dem kleinen Schild unter der stilisierten Weltkugel. Alleine für dieses Erinnerungsfoto hat es sich gelohnt.  Norbert Meiszies

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