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Top of the World

Die Einwohner von Alaska machen sich gerne lustig über ihre Landsleute im Süden und erzählen Touristen die Geschichte, wonach viele Amerikaner glauben, Alaska sei eine Inse­l südlich von Mexi­ko. Was damit zusam­menhänge, dass auf den Landkarten der 49. Bundesstaat aus Platzgründen stets in die untere linke Ecke verbannt werde – eben neben Mexiko. In den „Lower 48” revanchiert man sich mit der Beschwerde, die Straßenkarten von Alaska seien die ungenauesten, weil so wenig Wege eingezeichnet seien. Dabei gibt es nicht viel mehr als die, die aufgeführt sind. Alaska ist zwar der größte Bundesstaat der USA, aber so dünn besiedelt, dass man nicht mehr Straßen braucht. Das gilt für die angrenzenden Yukon Territories genauso, die schon zu Kanada gehören.

Deshalb haben die Geografen gleich darauf verzichten, die Straßen zu nummerieren, man hat ihnen einfach Namen gegeben, zum Beispiel „Top of the World Highway”. Die 127 Kilometer lange Schotterpiste war früher die einzige Verbindung von Tok in Alaska in die Goldgräberhochburg Dawson City am Yukon. Sie gehört wahrlich zu den schönsten Motorradstrecken im Norden Amerikas. Nach dem anfänglich noch asphaltierten Stück hinter Tetlin Junction geht es aus dem Tanana Valley plötzlich kurvenreich bergauf. Das ist ungewöhnlich, die meisten Highways durch Alaska verlaufen ansonsten typisch amerikanisch geradeaus.

Dank der geringen Verkehrsdichte haben wir den „Top of the World Highway” völlig für uns alleine. Die Piste besteht aus einer Mischung aus Lehm und Schotter, festgefahren wie Beton. Halten wir uns anfänglich mit dem Tempo noch zurück, so erhöhen wir bald schon die Reisegeschwindigkeit auf Normaltempo. Mit meiner Royal Enfield Himalayan und ihren 27 PS hänge ich etwas hinterher, während die Kollegen mit ihren Groß­enduros bereits eine Schneeballschlacht an einem der Schneefelder am Straßenrand veranstalten. 

Die Straße schlängelt sich bis auf über 1.000 Meter Höhe von einem Bergrücken zum nächsten, hinter jeder Biegung gibt es atemberaubende Ausblicke und neue Eindrücke. Am Horizont erkennen wir die mit Eis bedeckten Gipfel des Wrangell St. Elias Nationalparks, die über 4.000 Meter hoch sind. Wie beschwerlich muss der Weg der ersten Goldgräber gewesen sein, um Dawson City zu erreichen!

Der eine oder andere wird schon in Chicken hängengeblieben sein, als im 40-Mile-River Gold gefunden wurde. Der Ort ist bis heute ein typisches Goldgräber-Nest geblieben, in dem im Sommer rund 50 Menschen leben, die entweder nach dem Edelmetall schürfen oder die wenigen vorbeikommenden Touristen mit Sprit und Andenken versorgen. Im Winter sollen es sogar nur noch fünf sein, die es in dieser Einsamkeit aushalten. So wie Sue: Die Besitzerin des kleinen Dorf-Cafés erzählt uns die Geschichte, wie der Name Chicken (Huhn) entstand: Die ersten Siedler konnten nur durch die Jagd von Ptarmigans überleben, eine Art Wildhuhn. So tauften sie auch Ihre Siedlung. Weil das aber niemand richtig aussprechen konnte, kam man auf Chicken.

Ein Tipp: Wer vom Highway nach Chicken zur Tankstelle abbiegt, glaubt bereits den Ort erreicht zu haben und übersieht das eigentliche „Zentrum”, die drei Holzbuden mit dem Chicken Creek Café, dem Souvenirladen und dem Saloon, die alle noch aus der Zeit des ersten Goldrauschs von 1902 stammen. Von der Decke des Saloons hängen dicht an dicht Baseball-Caps und Visitenkarten, auch ein paar BHs sind dabei, und am Billard­tisch hängen am Abend die Goldsucher ab und versaufen ihre spärlichen Goldkörner. „Work hard, play hard”, lautet ihr Leitspruch. 

Leider müssen wir weiter, schließlich wollen wir noch über die Grenze. Die Station schließt nämlich um 20.00 Uhr Alaska-Zeit. Völlig im Nirgendwo auf 1.258 Metern Höhe taucht plötzlich die imposante Grenzstation auf. Es ist nicht nur die einzige von Kanadiern und Amerikanern gemeinsam betriebene Zollstelle, wir stehen hier auch an der nördlichsten Passkon­trolle von ganz Amerika. Ich zeige dem Grenzer ein Foto, das ich vor mehr als zwanzig Jahren gemacht habe, als die Station noch aus einem Holzhäuschen bestand, in dem ein einsamer Ranger die Pässe abstempelte und jeden Grenzgänger erst einmal zum Kaffee einlud, um ein Schwätzchen zu halten. Das muss unser Beamte gleich seinen Kollegen zeigen, und so wird aus der eher förmlichen Kommunikation doch noch ein lockerer Austausch mit dem üblichen Woher und Wohin, bevor wir schließlich die letzten abenteuerlichen Kilometer Richtung Yukon River in Angriff nehmen. Mit der betagten George Black Ferry setzen wir schließlich nach Dawson City über.

Die Stadt ist Teil der Legende, die Jack London in seinen Büchern beschrieben hat. Der Schriftsteller gehörte selbst zu den ersten Goldsuchern, besaß einen eigenen Claim und eine kleine Blockhütte von drei mal drei Metern mit Bollerofen und Bett. Sie ist heute ein Museum. Dietmar ist auf unsere Tour mitgekommen, weil er unbedingt nach Dawson City wollte. „Das musste ich unbedingt gesehen haben, da wo Jack London gelebt hat”, schwärmt er, als wir vom Midnight Dome, dem Hausberg des Orts hinunter auf die alten Holzhäuser am Yukon River schauen, die im späten Abendlicht goldgelb leuchten. Gold ist die Farbe dieser Stadt, die gerade einmal aus acht Blocks besteht. Die Straßen dazwischen sind immer noch nicht asphaltiert, und den Häusern sieht man an, dass sie die besten Zeiten gesehen haben. Nach und nach werden zwar ein paar historische Bauten restauriert, aber manche bestehen nur noch aus einer Fassade. Das war anders, als ein gewisser Shookum Jim Mason mit seinen Kumpeln George Carmack und Dawson Charlie 1896 mit ihrem Goldfund im Bonanza Creek den legendären Goldrausch auslöste, der bis 100.000 sogenannte Stampeders, Goldverrückte, in die Region um Dawson City lockte. Das Ereignis feiern die Einheimischen regelmäßig am Discovery Day, dem 16. August. 

Und es wird immer noch nach Nuggets gesucht. Das sieht man der Landschaft nur zu deutlich an. Zwischen Klondike River, Hunker Creek und Bonanza Creek ist die Erde gleich mehrfach umgegraben worden. Kein Stein blieb auf dem anderen, wenn die mehrstöckigen "Gold Dredges", die Schürfbagger, durch die Bäche und Flüsse pflügten.

Dass Goldsucher keinen Spaß verstehen, wenn es darum geht, ihren Claim zu bewachen, sehen wir am Goldfields Trail. Auf langen Pfählen erkennen wir kleine bunte Vogelhäuschen, darunter liegt ein Gerippe mit Cowboyhut und Grabkreuz. Erst auf den zweiten Blick erkennen wir, dass in den Vogelhäusern Kameras versteckt sind, die beobachten, wer sich dem Grundstück nähert. Also besser keine Steine als Andenken einsammeln! 

Auf normalen Straßenkarten ist die etwa 100 Kilometer lange Offroad-Strecke durch die Goldfelder nicht eingezeichnet, mit gutem Grund. Die Hunker Creek Road ist gespickt mit tiefen Furchen, noch tieferen Schlaglöchern und glitschigen Bachdurchfahrten. Zu viert kämpfen wir uns bis zum Gold Bottom Creek, wo die Millars wohnen, Goldsucher der dritten Generation. Ihnen gehören 70 Claims, erzählen sie, Schürfstellen, die immer noch Gold hergeben. Geld würden sie allerdings eher mit den Touristen verdienen, denen Sie das Goldwaschen beibringen. Wir ziehen den Goldfields Trail vor, ein El Dorado für Enduristen. Die Piste führt bis auf 1.000 Meter Höhe über steile Auffahrten, enge Serpentinen und Respekt einflößende Abfahrten mitten hinein ins Land der Stampeder.

An ehemaligen Goldfeldern kommt man in Alaska ständig vorbei: Einige sind inzwischen historische Denkmäler wie der Independence Mine State Historic Park nördlich von Anchorage. Reizvoller als die alten, teils verfallenen, teils restaurierten Häuser und Fördertürme ist die Fahrt hinauf in die Talkeetna Mountains, in denen die Mine liegt. Aus der Bucht von Anchorage fahren wir zunächst auf Meereshöhe bis Wasilla. Dann aber geht es durch kühle Wälder, schließlich oberhalb der Baumgrenze kurvenreich bergauf. Hatten wir in Anchorage noch unglaubliche 25 Grad , so sind es oben auf 1.200 Metern gut zehn Grad weniger, am Straßenrand liegt sogar noch reichlich Schnee vom letzten Winter. Wir genehmigen uns erst einmal einen Kaffee in der urigen Hatcher Pass Lodge, eine Art Berghütte aus den 1950er Jahren. Der Blick von der Terrasse zurück durch das Hochtal ist fantastisch. Die grünen Weiden stehen im grellen Kontrast zu den umliegenden braunen Berghängen und den schneebedeckten Gipfeln. Eine wahre Bilderbuchkulisse.